Spirituosen zur Desinfektion - eine Schnapsidee?

Spirituosenexperte Jürgen Deibel im Gespräch (Foto: Lorena Kirste)

HANNOVER. „Immer mehr Spirituosenhersteller steigen in die Produktion von Desinfektionsmittel ein“, berichtet der internationale Spirituosenexperte Jürgen Deibel. Denn Alkohol mit 75 Volumenprozent wirkt schnell und zuverlässig gegen behüllte Viren wie das Coronavirus sowie gegen Bakte-rien und Hefepilze. Zu den ersten, die reagiert haben, gehört die die Schweizer Obstbrennerei Lüthy. Doch zunehmend mehr Produzenten folgen diesem Beispiel. So etwa Absolut Vodka in Schweden oder der norwegische Arcus-Konzern. Vorwiegend Seniorenheime und Krankenhäuser kommen in den Vorteil dieser Desinfektionsmittel, doch auch Endkunden könnten davon – in handelsüblichen Mengen – profitieren.

„Wir werden jetzt Handsprays produzieren. Es ist überhaupt kein Produkt, das wir zuvor hergestellt haben, aber wir haben die Möglichkeit, dies in unseren Werken herzustellen“, erklärt Arcus-Kommunikationsdirektor Per Bjørkum. Arcus ist der weltweit führende Hersteller für Aquavit, produziert dazu noch Gin und Vodka und ist gleichzeitig Norwegens größter Weinimporteur. „Wir tun dies jetzt, weil wir sehen, dass wir in der schwierigen Situation, in der wir uns befinden, helfen können“, so Bjørkum weiter. So sollen Polizei, Feuerwehr und Rettung beliefert werden, zudem habe man Kontakt mit einer Krankenhausapotheke aufgenommen. In relativ kurzer Zeit könnten so insgesamt 15.000 bis 20.000 Liter zur Verfügung gestellt werden. Hergestellt werden soll Desinfektionsmittel sowohl zum Händewaschen als auch zur Flächendesinfektion. Arcus verfolgt mit dieser Initiative keinen Ansatz, um damit Geld zu verdienen. Tatsächlich werden die ersten Lieferungen kostenfrei durchgeführt, den Verkauf an Privatpersonen oder eine gewerbliche Weiterverwendung schließen die Norweger aus. „Wir wollen nur an diejenigen liefern, die über die erforderlichen Genehmigungen für Produkte mit einem so hohen Alkoholgehalt verfügen“, stellt Bjørkum klar. Ein Zeichen setzt jetzt auch Pernod Ricard. Der französische Spirituosenkonzern hat seine Produktion angewiesen, 70.000 Liter Alkohol zur Herstellung von Desinfektionsmitteln zur Verfügung zu stellen, so Branchenkenner Deibel.

Eine Option auch für Niedersachsen?

Ist die Herstellung von Desinfektionsmittel auch eine Option für die Brennereien in Niedersachsen? „Sowohl das Know-how, als auch die technischen Voraussetzungen sind vorhanden“, weiß Spirituosenexperte Deibel und sieht zugleich ein großes Potenzial: „Wir haben in der Region sowohl einige große Produzenten als auch viele kleine lokale Brennereien, die sicherlich unterstützen könnten.“

Jürgen Deibel ist Geschäftsführender Gesellschafter der Deibel Consultants GmbH mit Sitz in Hannover-Anderten. Seit über 40 Jahren widmet sich der gelernte Diplom-Chemiker hauptberuflich der Welt der feinen Geister und gilt weltweit als einer der Besten seines Fachs. Ob für Produzenten, Importeure, Handel oder Hotellerie und Gastronomie – Deibel berät und begleitet die Branche professionell von der Herstellung über die Markenbildung und die Schulung bis hin zum Genuss. Als Gründer der „Deibel’s Academy of Fine Spirits“, Dozent, Autor, Key Note Speaker und Juror ist seine Ex-pertise weltweit gefragt. Aber auch Unternehmen und Privatpersonen können davon in gleichsam professionellen wie unterhaltsamen Tastings profitieren – sobald Veranstaltungen wieder möglich sind.

Text: WirtschaftsDienst Redaktion / Foto: Lorena Kirste